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WIE ALLES ANGEFANGEN HAT
Ich wusste lange nicht, was ich einmal werden wollte.
Nach der Schule war diese Frage noch genauso unbeantwortet wie zuvor. Ich hatte viele Interessen, vor allem für Kunst und Kultur, aber keinen Beruf vor Augen, von dem ich sagen konnte: Das ist es!
Ich wusste eigentlich nur ziemlich genau, was ich nicht wollte: etwas tun, das sich falsch anfühlt. Irgendetwas wählen, nur weil man eben irgendwann etwas wählen muss.
Ich wollte etwas finden, das ich mit Hingabe machen kann.
Also machte ich zunächst vieles andere. Ich hatte verschiedene Jobs, probierte mich aus und ging dabei vielleicht weniger einem konkreten Ziel entgegen, als allem aus dem Weg, von dem ich spürte, dass es nicht mein Weg war. Und solange sich etwas nicht falsch anfühlte, war es für diesen Moment erst einmal richtig. Auch wenn es noch nicht die Erfüllung war, nach der ich eigentlich suchte.
Und dann wurde in Lahr ein Kino gebaut.
Eines Tages lief ich zufällig an der Stelle vorbei, an der es entstehen sollte. Eigentlich war da noch gar nicht viel von dem zu sehen, was später einmal mein Arbeitsplatz werden würde. Und trotzdem hat mich dieser Ort sofort gepackt.
Vielleicht, weil Kino für mich schon lange vorher etwas Besonderes gewesen war.
Einen großen Teil meiner freien Zeit als Kind hatte ich im Kino verbracht. Ich liebte diesen Ort so sehr, dass ich schon damals dachte: Wenn ich groß bin, möchte ich hier einmal arbeiten. Nur dieses Kino meiner Kindheit gab es inzwischen nicht mehr. Und mit ihm war irgendwann auch dieser kindliche Gedanke verschwunden.
Bis ich vor diesem neuen Kino stand. Besser gesagt, vor dem Bauloch, das irgendwann einmal ein Kino werden sollte.
Plötzlich war er wieder da.
Nicht als Karriereplan und ganz sicher nicht mit der Vorstellung, dass ich dort eines Tages ein Kino leiten würde. Ich wollte einfach dort arbeiten. Also bewarb ich mich.
Und so begann mein Weg drei Jahre später dort, wo Kino für viele Mitarbeiter beginnt: hinter der Popcorntheke – in meinem Fall sogar noch einen Schritt dahinter, in der Popcornküche im Erdgeschoss.
Damals war es für mich zunächst ein Job. Popcorn machen, Tickets kontrollieren, Säle aufräumen. Kino bedeutete für mich zu dieser Zeit vor allem das, was auch unsere Gäste davon sehen: Filme, große Leinwände, Popcornduft und ein paar Stunden in einer anderen Welt.
Und ich merkte ziemlich schnell, wie gerne ich Gastgeber bin. Menschen willkommen zu heißen und ihnen für ein paar Stunden die Tür in ein anderes Leben zu öffnen, hat mir etwas gegeben, das ich in meinen vielen Jobs zuvor nicht gefunden hatte.
Denn Kino ist auch Dienstleistung – nur verkaufen wir nicht einfach Eintrittskarten. Wir schaffen ein Erlebnis. Während viele danach streben, irgendwann Chef zu sein, habe ich für mich etwas anderes entdeckt: wie erfüllend es sein kann, Gastgeber zu sein. Sich um Menschen zu kümmern, ihnen eine gute Zeit zu bereiten und am Ende vielleicht einen kleinen Teil einer Erinnerung geschaffen zu haben. Für mich lag genau darin etwas sehr Wertvolles.
Die erhabenste Kunst ist die, andere glücklich zu machen.
P.T Barnum
Dieser Satz wird dem amerikanischen Showman und Zirkuspionier P. T. Barnum zugeschrieben. Und vielleicht beschreibt er ziemlich genau, was mich schon damals am Kino begeistert hat.
Theaterleiterin zu werden, war deshalb nie mein Ziel. Viel näher lagen mir die Dinge, für die ich schon damals brannte: Veranstaltungen gestalten, Menschen unterhalten, Ideen entwickeln und Werbung für das Kino machen.
Was alles notwendig ist, damit diese Welt jeden Tag funktioniert, wusste ich noch nicht.
Mit der Zeit begann ich, immer mehr davon zu sehen. Hinter jedem Filmstart, jeder Vorstellung und jedem ganz normalen Kinoabend steckt ein Betrieb, der organisiert werden muss. Technik, Personal, Planung, Abrechnung, Werbung, Gäste, Probleme, die möglichst niemand bemerkt – und unzählige kleine Entscheidungen, die darüber bestimmen, ob am Ende alles funktioniert.
Und irgendwann war Kino für mich nicht mehr nur der Ort, an dem ich arbeitete.
Ich übernahm mehr Aufgaben, bekam mehr Verantwortung, machte das Kinoabitur und begann, das Haus mit anderen Augen zu sehen. Aus einem Job wurde etwas, das mir wichtig war. Nicht, weil ich damals schon wusste, wohin mich dieser Weg führen würde. Sondern weil ich immer stärker das Bedürfnis hatte, Verantwortung für das zu übernehmen, was um mich herum geschah.

Als sich schließlich die Frage stellte, ob ich die Leitung des Kinos übernehmen würde, war meine erste Reaktion deshalb keineswegs: Darauf habe ich gewartet.
Eigentlich wollte ich genau das nie.
Und trotzdem sagte ich irgendwann Ja.
Nicht, weil ich mich plötzlich bereit dafür fühlte. Sondern weil die Verantwortung bereits da war – und weil ich, wenn ich sie schon übernahm, dieser Rolle auch gerecht werden wollte.
Was ich damals noch nicht wusste: Genau diese Entscheidung würde meinen Blick auf Kino noch einmal vollkommen verändern.
Denn mit der Theaterleitung begann für mich nicht das Ende eines Weges.
Eigentlich fing er dort erst richtig an.

DIE KURT SCHALK STIFTUNG
Von der Kurt Schalk Stiftung hörte ich zum ersten Mal 2022 auf dem Kinokongress in Baden-Baden.
Damals gab der HDF bekannt, dass eine Stiftung entstehen sollte, die sich der Förderung des Nachwuchses in der Kinobranche widmen würde. Sie sollte den Namen eines Mannes tragen, der sich selbst über viele Jahre für junge Menschen in unserer Branche eingesetzt hatte: Kurt Schalk.
Meine Neugier war sofort geweckt.
Denn Kurt Schalk war für mich kein unbekannter Name. Seit meinem ersten Tag im Kino war er mir immer wieder begegnet. Er war einer dieser Menschen in der Branche, die ich unbedingt einmal kennenlernen wollte. Nicht zuletzt deshalb, weil er die Filmwoche München organisierte – jene Veranstaltung, zu der ich selbst seit Jahren wenigstens einmal fahren wollte.
Ich wollte diesen Menschen kennenlernen, der so vieles von dem tat, was mich selbst faszinierte. Ich wollte ihm die Hand schütteln, ihm Fragen stellen und verstehen, wie man eine Branche nicht nur begleitet, sondern mitgestaltet.
Dazu sollte es nie kommen.
Kurt Schalk war im Jahr zuvor unerwartet verstorben. Sein Tod hatte die Kinobranche erschüttert. Und obwohl ich ihn nie persönlich getroffen hatte, war auch ich traurig darüber. Gleichzeitig schämte ich mich beinahe für diese Trauer. Wie konnte man einen Menschen vermissen, den man überhaupt nicht gekannt hatte?
Heute glaube ich, dass genau darin ein Teil meiner Trauer lag: in dem Wissen, dass ich ihn nun niemals kennenlernen würde.
Als ich 2022 zum ersten Mal von der Stiftung hörte, war ich selbst noch keine Theaterleiterin. Ich stand noch hinter der Popcorntheke und am Einlass. Acht Jahre Kino lagen zu diesem Zeitpunkt bereits hinter mir – darunter zwei Jahre Pandemie, in denen ich begonnen hatte, mich immer intensiver mit unserer Filmwirtschaft und der Welt hinter meinem eigenen Kino zu beschäftigen.
Der Kinokongress 2022 in Baden-Baden war meine erste Branchenveranstaltung überhaupt. Nach der anstrengenden Zeit des Wiederaufbaus unseres Kinobetriebs hatte mein Chef mir die Reise nach Baden-Baden als Dankeschön geschenkt.
Nur wenige Monate später, im August 2022, wurde ich Theaterleiterin.
Und kein halbes Jahr danach erfüllte sich ein anderer, lange gehegter Wunsch.
Ich durfte zur Filmwoche München.
Zum ersten Mal ging ich durch die Türen des Mathäser Filmpalasts. Es war die erste Filmwoche, die nicht mehr von Kurt Schalk selbst ausgerichtet wurde, sondern von seinen Wegbegleitern und Freunden.

Kurt war nicht mehr da.
Und gleichzeitig war er überall.
Über dem Eingang leuchtete „Willkommen zuhause“. Auf den Tischen lagen Flyer. Auf einem davon sah ich sein Gesicht, darüber seine Signatur und daneben in großen Buchstaben: KURT SCHALK STIFTUNG.
Ich nahm einen Flyer und steckte ihn behutsam in meine Tasche.
Dann ging ich in den größten Saal des Hauses, das MK6 mit seinem Sternenhimmel. In der ersten Reihe war der erste Platz für Kurt reserviert. Auf der Rückenlehne stand sein Name. Im Getränkehalter eine Cola Zero, auf dem kleinen Tisch daneben ein paar Süßigkeiten.
Dieser Platz ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.
Kurt Schalk war nicht einfach verschwunden. Die Menschen, die ihn gekannt hatten, trugen ihn weiter.
Und in genau diesem Saal erfuhr ich gemeinsam mit vielen anderen Menschen aus der Branche, dass die Kurt Schalk Stiftung nun ihre Arbeit aufgenommen hatte und Spenden möglich waren.
Was das einmal mit meinem eigenen Leben zu tun haben würde, ahnte ich nicht.
EINE BEWERBUNG
Etwa zwei Monate später, im März 2023, sah ich auf den Social-Media-Kanälen des HDF Kino e.V., dass man sich erstmals um ein Stipendium der Stiftung bewerben konnte.
Damals gab es zwei Möglichkeiten: ein Aufstiegsstipendium für zwei Personen und ein Stipendium für den Fernlehrgang zum Filmtheatermanager für eine Person.
Drei Stipendien.
Mehr nicht.
Für mich war eigentlich sofort klar: Wenn ich mich überhaupt bewerben würde, dann für den Filmtheatermanager.
Dabei war ausgerechnet das Aufstiegsstipendium dasjenige, das mich viel stärker faszinierte. Es passte zu meinen Interessen, zu meiner Neugier und vielleicht auch viel mehr zu meiner Persönlichkeit.
Aber ich traute es mir nicht zu.
Zu dieser Zeit steckte ich in einer tiefen Krise mit meiner neuen Rolle als Theaterleiterin. Ich war nicht darauf vorbereitet gewesen, Führungskraft zu sein. Wie sollte ich anderen einen Weg zeigen, wenn ich ihn selbst noch nicht kannte?
Ich hatte inzwischen Verantwortung für ein ganzes Kino. Für Mitarbeiter, Abläufe, Technik, Zahlen und all die kleinen und großen Entscheidungen, die jeden Tag getroffen werden mussten. Manches kannte ich aus meinen Jahren im Kino. Vieles brachte ich mir selbst bei.
Und trotzdem hatte ich ständig das Gefühl, dass mir etwas Grundlegendes fehlte.
Ich hatte einen Gedanken, der mich damals sehr beschäftigte:
Wer andere führen will, muss zunächst lernen, sich selbst zu führen.
Deshalb kam das Aufstiegsstipendium für mich nicht infrage.
Denn ich fragte mich ganz ernsthaft: Aufstieg von was?
Ich hatte keine klassische Ausbildung. Einen Realschulabschluss. Und nun einen Titel, bei dem ich selbst noch versuchte herauszufinden, wie ich ihm gerecht werden konnte.
Wenn aus allen Bewerbungen gerade einmal drei Menschen ausgewählt werden sollten – warum ausgerechnet ich?
Also zögerte ich.
Bis mein Chef mich dabei erwischte, wie ich meinen eigenen Träumen hinterherschaute.
Ich hatte die Ausschreibung der beiden Stipendien in meinem WhatsApp-Status geteilt. Darauf antwortete er mit einem einzigen Satz:
„Bewirb dich und du wirst es bekommen!“ 😎
Es war genau der Schubs, den ich brauchte.
Ich schrieb meine Bewerbung. Dazu legte ich drei voneinander unabhängige Empfehlungen von Menschen, die mich gut kannten und bei meiner Arbeit erlebt hatten. Eine davon war von meinem Chef selbst.
Und weil es eben zu einer Bewerbung gehörte, schickte ich auch mein letztes Schulzeugnis mit.
Dann wartete ich.
DER ANRUF

Die Tage vergingen.
Der Kinokongress im Mai rückte näher und ich hatte noch immer nichts gehört. Irgendwann hatte ich eigentlich aufgehört zu hoffen.
Bis zu einem Montag.
Ich hatte einen anstrengenden ZBV-Tag hinter mir und ging zum Bäcker, um mir wenigstens eine kurze Pause zu gönnen.
Mein Telefon klingelte.
Eine Berliner Nummer.
„Hallo, hier ist Christine Berg vom HDF.“
In dem Moment verschwamm die Welt um mich herum.
Es fühlte sich beinahe an wie einer dieser schönen, vollkommen unrealistischen Träume, die ich früher manchmal hatte: Ich, irgendwo auf einer Messe, gemeinsam mit Christine Berg und Kurt Schalk.
Nur dass ich diesmal wach war.
Christine Berg sagte mir, dass das Kuratorium sich für mich entschieden hatte.
Ich würde zu den ersten Menschen gehören, die von der Kurt Schalk Stiftung ein Stipendium erhielten.
Und dann sagte sie noch etwas, das mein Verstand in diesem Moment überhaupt nicht mehr aufnehmen konnte:
Das Kuratorium wollte mir das Aufstiegsstipendium geben.
Das Aufstiegsstipendium!
PLÖTZLICH AUF DER BÜHNE

Plötzlich stand ich dort auf der Bühne. Neben den beiden anderen Stipendiaten, geblendet von den Scheinwerfern und noch immer wie in einer Traum-Blase.
Mein Name wurde genannt. Mein Stipendium wurde verkündet. Menschen erfuhren, wer ich war und was in den kommenden Monaten vor mir liegen sollte.
Und ich begriff noch immer nicht wirklich, was gerade passiert war.
Erst Stunden später kam die Erkenntnis.
Da war ich längst wieder zu Hause. Bei meinen Katzen. Auf meinem Sofa. Die große Bühne von Baden-Baden war weit weg und in meiner Mikrowelle blubberte eine Fünf-Minuten-Terrine vor sich hin.
Dann machte die Mikrowelle:
Bing.
Und ungefähr gleichzeitig machte es das auch in meinem Kopf.
Aufstiegsstipendium!!!
Aufstieg?
Wie denn? Ich bin doch noch gar nichts.
Mir wurde eiskalt. Dann heiß. Und plötzlich bekam ich Panik.
Das Aufstiegsstipendium bedeutete, für mehrere Monate andere Unternehmen und Bereiche der Branche kennenzulernen. Aber ich hatte meinem Chef doch gerade erst das Ja-Wort gegeben, sein Kino zu leiten. Wer sollte sich in dieser Zeit um alles kümmern? Was machte ich mit meinen Katzen? Mit meiner Wohnung?
Mein Leben war zu diesem Zeitpunkt ohnehin alles andere als geordnet. Ich lebte mitten in einer Kernsanierung – ohne richtige Küche, zeitweise ohne sauberes oder warmes Wasser und die Heizung ging auch nicht, dafür mit Lärm, Staub und Dreck. Ich hatte ein Dach über dem Kopf, viel mehr nicht. Rückblickend weiß ich bis heute nicht genau, wie ich diese 16 Monate überstanden und gleichzeitig gearbeitet und nachts studiert habe. Ein vernünftiger Mensch hätte vielleicht irgendwann aufgehört. Aber wenn ich etwas wirklich will, war ich noch nie besonders vernünftig. Dann mache ich es ganz – oder gar nicht.
Und nun kam noch etwas anderes hinzu: Erwartungsdruck.
Menschen hatten für diese Stiftung Geld gespendet. Ein Kuratorium hatte sich für mich entschieden. Mein Name war auf einer Bühne genannt worden. Hunderte Blicke waren auf mich gerichtet.
Menschen glaubten offenbar an mich.
Und ich hatte plötzlich schreckliche Angst davor, sie zu enttäuschen.
EIN MISSVERSTÄNDNIS
Ich wusste mir nicht anders zu helfen und schrieb Natalie Bloom vom HDF.
Ich versuchte zu erklären, was gerade in mir vorging und wie es überhaupt zu diesem Missverständnis gekommen war. Vor allem wollte ich eines nicht: undankbar erscheinen.
Das Gegenteil war der Fall.
Diese Förderung bedeutete mir so viel, dass ich gerade deshalb solche Angst davor hatte, ihr nicht gerecht werden zu können.
Und ich rechnete damit, dass damit alles vorbei sein könnte. Das Stipendium für den Filmtheatermanager war schließlich nur für eine einzige Person vorgesehen.
Doch meine Sorge war unbegründet.
Man erklärte mir, dass das Kuratorium von meiner Bewerbung so überzeugt gewesen war, dass offenbar eines in den Hintergrund geraten war: Für welches Stipendium ich mich eigentlich beworben hatte.
Für das Kuratorium stand ich für den Aufstieg.
Diese Nachricht war für mich eine unglaubliche Erleichterung.
Aber sie tat noch etwas anderes mit mir.
Ich hatte mich selbst gefragt, ob ich überhaupt genug war, um eines dieser drei Stipendien zu bekommen.
Und die Menschen, die meine Bewerbung gelesen hatten, hatten darin offenbar etwas gesehen, das ich selbst zu diesem Zeitpunkt noch nicht sehen konnte, aber immer gespürt hatte.
Vielleicht war das eine der wichtigsten Erfahrungen dieser ganzen Geschichte.
Denn manchmal braucht es einen Menschen, der etwas in uns erkennt, bevor wir selbst dazu in der Lage sind. Jemand, der einem sagt: „denke größer!“
Mein Chef hatte etwas Ähnliches schon lange vor mir verstanden. Er wusste, dass vieles von dem, wofür ich wirklich brannte, weit über die klassische Theaterleitung hinausging. Er sagte mir damals, dass die Erfahrungen als Theaterleiterin wichtig seien, um mich irgendwann dorthin zu bringen, wo ich eigentlich hingehörte.
Damals verstand ich nicht, was er damit meinte.
Heute tue ich es.
Ohne diesen Umweg hätte ich vieles über mich selbst nie herausgefunden. Und wahrscheinlich hätte ich manches, das in mir steckte, niemals entdeckt.
Am Ende bekam ich die Möglichkeit, genau die Weiterbildung zu machen, für die ich mich ursprünglich beworben hatte: den Fernlehrgang zum Filmtheatermanager.
Das Missverständnis haben wir der Branche nie erklärt.
Es hat auch nie jemand danach gefragt.
Der enorme Druck, den ich damals empfand, kam ohnehin nicht von außen.
Er kam von mir.
Weil ich diese Chance ernst nahm. Weil Menschen Geld für die Förderung von Nachwuchs gespendet hatten. Weil mein Chef an mich glaubte. Weil mein Unternehmen mir Verantwortung gegeben hatte. Und weil ein Kuratorium ausgerechnet in meiner Bewerbung etwas gesehen hatte, das ich selbst noch nicht erkennen konnte.
Ich wollte ihnen etwas zurückgeben.
Ich wollte für mein Haus, mein Unternehmen und meinen Chef die Theaterleiterin werden, die sie verdienten.
Und ich wollte herausfinden, was die Menschen, die mich ausgewählt hatten, in mir gesehen hatten.
Damit begann mein Weg zum Filmtheatermanager.

mein weg durch den ftm
Das Fernstudium FTM Kauffrau/Kaufmann für Filmtheatermanagement ist das umfassende Ausbildungsprogramm für Kinoschaffende. Es richtet sich an alle Kinomanager, die ein Kino leiten, ein Kino führen wollen und Kino lieben.
rmc medien + kreativ consult GmbH
So steht es auf der Website des RMC. In meiner Vorstellung bedeutete das vor allem eines: Ich würde irgendwann mit lauter erfahrenen Theaterleitern und Führungskräften in einem Raum sitzen. Mit Menschen, die schon viel länger Verantwortung trugen als ich. Die vorher eine Ausbildung gemacht, studiert oder zumindest Abitur hatten. Menschen also, die all das mitbrachten, was ich bei mir selbst vermisste. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie nervös mich dieser Gedanke machte.
Also nahm ich mir vor, sehr strukturiert und kontinuierlich zu lernen, sobald meine Schulbücher da wären. Da es sich um einen Fernlehrgang mit vier Präsenzseminaren handelte, würde ich zunächst allein zu Hause lernen, bevor ich irgendwann auf meine Mitstreiter traf. Das klang nach einem guten Plan.
Dann kamen meine Schulbücher. Und ich lebte mitten im Chaos.
Die Kernsanierung des Hauses, in dem sich meine Wohnung befand, war inzwischen in vollem Gange. Wenn morgens um sechs der Presslufthammer über einem loslegt, alles wackelt und irgendwann sogar Risse in der Decke auftauchen, nachdem man selbst erst wenige Stunden zuvor aus dem Kino nach Hause gekommen ist, hinterlässt das irgendwann Spuren. Ich versuchte trotzdem, mir einen Alltag zu bauen. Und der sah während der nächsten zwölf Monate ungefähr so aus: Ich ging ins Kino, brachte das Tagesgeschäft hinter mich und kümmerte mich um alles, was eben anfiel. Danach ging ich nach Hause, bestellte mir etwas zu essen und wartete darauf, dass es irgendwann still wurde. Dann lernte ich.
Die Nacht wurde meine Zeit. Ich saß zwischen Schulbüchern, Laptop, iPad, Notizen und Textmarkern und lernte häufig bis drei Uhr morgens. Um sechs meldete sich der Presslufthammer zurück. Aus meinem schönen Lernplan wurde deshalb ziemlich schnell nur noch: Ich lerne in jeder freien Minute. Und freie Minuten waren in meinem Fall häufig genau die Stunden, in denen andere Menschen schlafen, in Ruhe essen oder vielleicht auch einfach mal zum Friseur gehen. ‚Freizeit‘ war Lernzeit mit Gehörschutz. Nein, ich übertreibe nicht. Ich lebte in diesem Jahr ziemlich extrem.
Denn auch das Kino hielt sich natürlich nicht an meinen Lernplan. Als Theaterleiterin ist man eben immer Theaterleiterin. Mitarbeiterbelange, technische Defekte, kurzfristige Veranstaltungen oder irgendwelche Probleme, die sofort gelöst werden müssen, verschwinden nicht, nur weil zu Hause ein Stapel Schulbücher wartet. Und wenn man gleichzeitig auf einer Baustelle lebt, gibt es auch dort regelmäßig Überraschungen, die Zeit und Nerven kosten. Ausgerechnet einer der ersten Begriffe, die mir im Studium begegneten, passte deshalb erstaunlich gut zu meinem Leben: Ambiguitätstoleranz. Dazu später mehr.
Etwas wie Ruhe gab es in dieser Zeit trotzdem. Meine beiden Kater Dobby und Nero. Für sie war das Leben auf der Baustelle wahrscheinlich noch schlimmer als für mich, denn sie konnten nicht einfach für ein paar Stunden das Haus verlassen. Während ich nachts Filmwirtschaft, Recht, Marketing und BWL lernte, lagen sie neben mir. Links und rechts auf meinen Stiften und Notizen je eine Katze – und irgendwo mittendrin ich. Wir hielten da gemeinsam durch.
DIE ERSTE WOCHE WUPPERTAL
Fast zwei Monate hatte ich inzwischen allein gelernt, als plötzlich die erste Seminarwoche in Wuppertal vor der Tür stand. Und je näher sie kam, desto mehr Angst bekam ich. Natürlich hatte ich Sorge, nicht genug gelernt zu haben. Aber viel nervöser machten mich die Menschen, denen ich dort begegnen würde. Was, wenn sie mich nicht mochten? Was, wenn ich dort überhaupt nicht hineinpasste? Was, wenn alle viel mehr konnten als ich? Und was um Himmels willen würden die denken, wenn sie merkten, dass ich überhaupt nicht rechnen konnte?
Damals glaubte ich noch, dass meine Schwierigkeiten damit einfach daher kamen, dass ich während meiner Schulzeit so viel Unterricht verpasst hatte. Wegen meiner chronischen Erkrankung hatte ich viele Erfahrungen nicht gemacht, die für andere Kinder vollkommen normal gewesen waren. Erst ganz am Ende meines Studiums brachte mich jemand auf einen Gedanken, der sich später als richtig herausstellen sollte. Aber dazu kommen wir noch.
Meine eigentliche Angst vor Wuppertal hatte ohnehin weniger mit dem Unterricht zu tun. So etwas wie Klassengemeinschaft oder Kameradschaft kannte ich nicht. Überhaupt kannte ich nur wenig normalen Schulunterricht oder Schulalltag. Ich hatte schon als Kind vieles allein lernen und mir selbst beibringen müssen. Deshalb war das Lernen zu Hause trotz Baustelle und Arbeit eigentlich gar nicht mein Problem. Das kannte ich. Ich hatte Angst vor dem Unbekannten.

DAS ZWEITE WOHNZIMMER
Dann war es so weit. Ich kam in Wuppertal an. Meine Unterkunft lag direkt gegenüber vom Cinema Campus im RINKE-Gebäude. Morgens musste ich praktisch nur aus einer Tür hinaus, über die Straße und durch die nächste wieder hinein. Der Bahnhof war fünf Minuten entfernt. Besser hätte es eigentlich nicht sein können.
Dass sich dieses Hotel im Laufe des nächsten Jahres wie ein zweites Zuhause für mich anfühlen würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Irgendwann war ich so oft dort gewesen, dass ich nur noch mit dem Aufzug hinauf zur Rezeption fahren musste und bereits erkannt wurde, sobald sich die Türen öffneten. Noch bevor ich überhaupt am Schalter angekommen war, wurde ich mit meinem vollständigen Namen begrüßt – inklusive Firma und Zimmernummer. Aus einem fremden Hotel in einer fremden Stadt wurde ganz nebenbei ein vertrauter Ort, an den ich immer wieder zurückkehrte.
AUS MITSTREITERN WURDEN VERBÜNDETE
Und dann traf ich meine Mitstreiter. Wir stellten uns alle vor, erzählten, woher wir kamen und was wir im Kino machten – und ziemlich schnell stellte ich fest, dass meine Vorstellung von dieser Gruppe mit der Realität erstaunlich wenig zu tun hatte. Wir waren eine ziemlich bunte Truppe. Nicht jeder war in einer Führungsposition. Nicht jeder leitete ein großes Kino oder kam aus einem großen Unternehmen. Wir hatten sogar jemanden unter uns, der noch nie in einem Kino gearbeitet hatte, aber die Vision hatte, eines Tages eines zu haben. Ich war erleichtert.
Nach dem ersten Seminartag passierte etwas, womit ich noch viel weniger gerechnet hatte. Fast alle meine Kommilitonen wohnten im selben Hotel wie ich. Und nach dem Unterricht ging keiner einfach auf sein Zimmer. Wir gingen gemeinsam essen. Danach saßen wir zusammen in der Hotellobby und lernten. Und redeten. Sehr viel.
Wir waren Menschen, die unterschiedlicher kaum hätten sein können, und trotzdem gab es etwas, das uns sofort miteinander verband: diese große Leidenschaft für Kino. Für Außenstehende wirkten wir wahrscheinlich ein bisschen seltsam. Aber untereinander mussten wir uns nicht erklären. Da waren plötzlich Menschen, mit denen ich unendlich lange über Kino, Probleme, Visionen und das Leben reden konnte. Menschen, die verstanden, warum einen Dinge beschäftigen, bei denen andere irgendwann nur noch höflich nicken. Zum ersten Mal fühlte ich mich damit wirklich verstanden.
Und wir lernten nicht nur im Unterricht. Wir lernten unglaublich viel voneinander. Wir halfen uns, diskutierten, saßen nachts zusammen, gingen gemeinsam frühstücken, feierten und machten Wuppertal unsicher. Aus einer Gruppe fremder Menschen wurde erstaunlich schnell etwas, das ich aus meiner eigenen Schulzeit überhaupt nicht kannte: Kameradschaft. Bruder/Schwesterschaft. Nach dieser ersten Woche war es deshalb plötzlich seltsam, wieder nach Hause zu fahren. Ein Teil von mir wollte gar nicht zurück. Von da an freute ich mich auf jede einzelne Woche in Wuppertal.

DER AMBIGUITÄTSTOLERANTE THEATERLEITER
In meiner ersten Seminarwoche ging es zunächst um etwas, das auf den ersten Blick ziemlich trocken klingt: BWL und Management. Doch ziemlich schnell wurde mir klar, dass dahinter sehr viel mehr steckt als Zahlen, Dienstpläne oder die Frage, ob am Ende des Monats alles aufgeht.
Wir beschäftigten uns damit, was einen Manager eigentlich ausmacht – und welche Fähigkeiten es braucht, wenn man Verantwortung übernimmt. Fachwissen allein reicht dafür nicht. Man muss Probleme lösen und mit unterschiedlichen Situationen umgehen können. Man muss kommunizieren, Konflikte austragen, Menschen mitnehmen, vorausschauend denken und Entscheidungen treffen. Und dann gab es dieses eine Wort:


Ambiguitätstoleranz …
Ein wunderbar sperriges Wort für die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit, Unsicherheit und widersprüchliche Situationen auszuhalten. Also im Grunde eine Kernkompetenz für jeden, der ein Kino leitet. Denn wer darauf wartet, dass im Kinobetrieb irgendwann alle Informationen vollständig vorliegen, alle Menschen dasselbe wollen und jede Situation eindeutig ist, dürfte vermutlich ziemlich lange warten.
Das Wort entwickelte sich bei uns schnell zum Insider. Irgendwann wurde daraus der „ambiguitätstolerante Theaterleiter“. Und weil manche Erkenntnisse aus einer Weiterbildung einfach zu wichtig sind, um sie nur in irgendwelchen Schulunterlagen festzuhalten, ließ ich mir diesen Satz später auf einen Hoodie drucken. Man könnte also sagen: Meine erste Seminarwoche hat nicht nur meine Vorstellung von Management geprägt, sondern auch meine Garderobe.
Besonders hängen geblieben ist mir außerdem, dass Entscheiden eigentlich der Kern von Management ist. Informationen sammeln. Eine Situation analysieren. Eine Entscheidung treffen. Daraus entstehen die klassischen Aufgaben: planen, organisieren, führen und kontrollieren. Und dann geht es eigentlich wieder von vorne los.
Gleichzeitig ging es darum, wofür all diese Entscheidungen getroffen werden. Ressourcen sind begrenzt und müssen sinnvoll eingesetzt werden. Ein Unternehmen muss wirtschaftlich arbeiten, darf aber eben auch nicht nur bis zum nächsten Monatsabschluss denken. Langfristige Verbesserungen, Werte, Ziele und eine Perspektive für die Zukunft gehören genauso dazu. Wenn ich heute auf diese erste Woche zurückblicke, waren wir damit eigentlich schon bei einer Frage angekommen, die mich später noch viel stärker beschäftigen sollte:
Was bedeutet es überhaupt, ein Kino zu führen?

Denn Theaterleitung bedeutet nicht einfach, dafür zu sorgen, dass Filme pünktlich starten, genügend Popcorn da ist und der Dienstplan funktioniert. Man muss ständig Informationen aufnehmen, Situationen einschätzen, Entscheidungen treffen, Menschen mitnehmen und gleichzeitig dafür sorgen, dass ein Unternehmen wirtschaftlich funktioniert. Und manchmal muss man eben akzeptieren, dass es nicht die eine eindeutig richtige Antwort gibt. Oder, wie ich seit Wuppertal sagen würde: Man muss ambiguitätstolerant genug dafür sein.
AUS MEINEM KINO WURDE EINE GANZE BRANCHE
Und genau so tief ging es weiter. Filmwirtschaft. Recht. Marketing. BWL. Auf dem Papier waren das voneinander getrennte Fächer. Im Laufe des Studiums merkte ich aber immer stärker, wie sehr alles miteinander verwoben ist. Nach und nach entstand daraus ein Gesamtbild unserer Branche.
Ich lernte, woher wir kommen und warum bestimmte Strukturen heute so sind, wie sie sind. Ich verstand immer besser, welche Rolle die einzelnen Bereiche spielen und wie sehr sie voneinander abhängig sind. Und irgendwann begriff ich etwas, das heute selbstverständlich für mich ist: Wir sitzen alle in einem Boot.
Kinos, Verleiher, Produktion, Verbände, Politik, Förderung und all die Menschen, die irgendwo dazwischen arbeiten. Jeder hat seine eigenen Aufgaben und Interessen, aber am Ende funktioniert das eine nicht ohne das andere. Wie viele kleine Zahnräder in einem großen Getriebe. Wenn eines davon nicht richtig läuft, hat das irgendwann Auswirkungen auf den ganzen Mechanismus.
Damit veränderte sich auch mein Blick auf meine eigene Arbeit. Ich verstand, dass meine Verantwortung als Theaterleiterin nicht an der Tür meines eigenen Hauses aufhört. Dass zu Kino viel mehr gehört als Tagesgeschäft, Dienstpläne und Entscheidungen. Und dass wir etwas übernommen haben, das lange vor uns begonnen hat: ein mehr als hundertjähriges Erbe.
Das klingt alles erst einmal ziemlich groß. Und ehrlich gesagt empfand ich meine Rolle zu Beginn auch genau so: als Last. Als ich im ersten Semester verstand, was Management eigentlich alles bedeutet, wurde dieses Gefühl zunächst nicht unbedingt leichter. Im Gegenteil. Plötzlich hatte all das, wofür ich ohnehin schon verantwortlich war, Begriffe, Strukturen und noch viel mehr Dimensionen.
Perspektivwechsel – Aus Verantwortung wurde Gestaltung
Erst im zweiten und dritten Semester begann ich wirklich zu verstehen, was in einem Satz steckte, den ich schon ganz am Anfang gelernt hatte: „Ein Theaterleiter steht für sein Kino wie ein Intendant für sein Theater.“ Dieser Satz veränderte etwas für mich. Denn plötzlich sah ich nicht mehr nur die Verantwortung, die auf meinen Schultern lag. Ich sah, was ich mit ihr machen konnte.
Als Theaterleiterin war ich nicht einfach diejenige, die dafür sorgte, dass der Betrieb funktionierte. Ich war das Gesicht meines Kinos. Und ich konnte mitentscheiden, welchen Platz dieses Kino in meiner Stadt einnahm. Ich wollte, dass die Menschen bei uns mehr erleben als „nur“ Filme. Dass das Kino ein Ort ist, an dem etwas passiert. Ein Ort, über den gesprochen wird, an dem Menschen zusammenkommen und mit dem sie sich verbunden fühlen. Also fing ich an, genau das aufzubauen.
Und erstaunlicherweise fiel mir dieser Teil meiner Aufgabe leicht. Ich baute Beziehungen zu unseren Besuchern auf, gewann neue hinzu, knüpfte Kontakte in der Stadt und schuf mir nach und nach ein Netzwerk. Aus einzelnen Veranstaltungen entstanden Kooperationen, aus Begegnungen neue Ideen und aus Besuchern Menschen, die immer wiederkamen. Das Kino wurde sichtbarer. Und mit ihm wurde auch ich sichtbarer.
Heute kann ich kaum beim Bäcker eine Brezel holen, ohne unterwegs jemanden zu treffen, der mich grüßt oder in ein Gespräch verwickelt. Nicht alle kennen meinen Namen. Für manche bin ich einfach „die Kinochefin“. Und tatsächlich werde ich im Vorbeigehen manchmal genau so begrüßt: „Ah, die Kinochefin! Wie geht es Ihnen?“
Was vielleicht ein bisschen kurios klingt, bedeutet mir inzwischen sehr viel. Denn dahinter steckt etwas, das sich in keiner betriebswirtschaftlichen Kennzahl messen lässt: Die Menschen verbinden mich mit ihrem Kino. Und genau darin habe ich irgendwann meine Rolle gefunden.
DAS SCHÖNSTE UND HÄRTESTE JAHR ZUGLEICH
Mein Studienjahr war kein Klacks. Im Gegenteil. Es war intensiv und kostete unglaublich viel Kraft und Durchhaltevermögen – gerade unter den Umständen, unter denen ich bis zum Abschluss und sogar noch danach lebte.
Und dann starb kurz vor Beginn meines zweiten Semesters mein Kater Dobby. Die Baustelle war zu viel für ihn gewesen und ich hatte es nicht geschafft, uns von dort wegzubringen. Plötzlich waren Nero und ich nur noch zu zweit. Einer fehlte. Ich hatte eigentlich keine Zeit zu trauern. Das Studium ging weiter. Das Kino ging weiter. Die Baustelle ging weiter. Also ging auch ich weiter.

Nach jeder Seminarwoche in Wuppertal hatte ich allerdings das Gefühl, dass irgendetwas mit mir passiert war. Ich kam verändert zurück. Manchmal hatte ich kaum Zeit, diese neue Version von mir kennenzulernen, bevor schon wieder die nächste entstand. Diese Veränderung war gut und wichtig. Aber sie war nicht immer einfach. Nicht nur für mich, sondern auch für die Menschen um mich herum.
Ich fuhr nach Wuppertal und kam mit neuen Gedanken, neuem Wissen und neuen Fragen zurück. Und manchmal fühlte ich mich plötzlich zu Hause weniger verstanden als dort bei meinen Kameraden. Das war merkwürdig. Und es brachte neue Fragen mit sich: Bin ich hier noch richtig? Ist das, was ich mache, noch richtig? Sollte ich weitergehen? Und wenn ja: wohin?
Ich hatte in diesem Studienjahr die geilste Zeit meines Lebens. Und gleichzeitig war es das härteste Jahr, das ich bis dahin hinter mich gebracht hatte. Wie ich schon einmal erwähnt habe: Rückblickend weiß ich bis heute nicht genau, wie ich das alles geschafft habe.
EIN LETZTES MAL WUPPI
Und dann kam der große Abschluss. Ein letztes Mal Wuppi. Ein letztes Mal zusammen durch dick und dünn gehen, gemeinsam lernen, nachts zusammensitzen – und am Ende dieser Woche die Abschlussprüfungen schreiben.
Schon in den Wochen davor hatte ich gemerkt, dass körperlich irgendetwas nicht ganz rundlief. Ich dachte mir nicht viel dabei und hielt es für Symptome meiner Grunderkrankung. Also setzte ich mich vergnügt in den ICE, hörte Musik und lernte während der Fahrt. Und dann ging es mir von Zwischenstopp zu Zwischenstopp schlechter.
Als ich schließlich im Hotel ankam, wurde ich an der Rezeption längst wie ein Stammgast mit meinem vollständigen Namen begrüßt. Auch von diesem Hotel und seinen Mitarbeitern würde ich bald Abschied nehmen müssen. Es war in diesem Jahr zu einem zweiten Zuhause geworden. Die Lobby war unser Wohnzimmer. Zur selben Zeit kamen auch die anderen an und natürlich wurden sofort Pläne geschmiedet, wo wir den Abend und wahrscheinlich auch einen Teil der Nacht verbringen würden.
Ich wollte unbedingt mit. Aber ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Plötzlich hatte ich Fieber, sah Lichtflecken und eine Gesichtshälfte fühlte sich irgendwie taub an. Also verabschiedete ich mich und ging auf mein Zimmer. Meine Leute gingen essen und feiern und ließen mich wenigstens über WhatsApp ein bisschen am Spaß teilhaben.
Irgendwann klopfte es an meiner Tür. Zwei von ihnen standen mit einer REWE-to-go-Tüte davor, schickten mich zurück ins Bett und brauten mit diesem winzigen Hotel-Wasserkocher irgendeine Brühe zusammen. Ich musste sie trinken. Furchtbar. Ich weiß bis heute nicht, was das war. Aber es hat gewirkt. Ich schlief in dieser Nacht beinahe komatös und war am nächsten Morgen zwar noch lange nicht fit, hatte aber wieder genug Energie, um auch diese letzte Woche noch zu schaffen.


DIE NACHT VOR DER PRÜFUNG
Nach dem letzten Seminartag ging ich gleich auf mein Zimmer und lernte, dieses Mal alleine, ohne Ablenkung, bis in die späte Nacht. Eigentlich hätte ich schlafen sollen. Stattdessen lagen um mich herum Skripte, Notizen und alles, von dem ich hoffte, dass es am nächsten Morgen irgendwie noch in meinem Kopf sein würde.
Ich konzentrierte mich vor allem auf die Textaufgaben. Da wusste ich: Wenn ich etwas weiß, kann ich schreiben. Und wenn ich schreibe, dann meistens ziemlich viel. Bei den Rechenaufgaben war meine Strategie eine andere. Ich versuchte gar nicht mehr, in dieser einen Nacht Dinge zu verstehen, an denen ich mir schon vorher die Zähne ausgebissen hatte. Ich konzentrierte mich auf das, bei dem ich zumindest eine Chance sah.
Dabei half mir ausgerechnet meine FTM-Truppe. In den Monaten zuvor hatten meine Weggefährten immer wieder versucht, mir ein paar mathematische Grundlagen so zu erklären, dass auch mein Kopf etwas damit anfangen konnte. Prozentrechnen zum Beispiel. Dinge, die für andere selbstverständlich waren, wurden bei uns manchmal zur gemeinsamen Abendbeschäftigung. Sie erklärten, ich fragte nach, sie erklärten es anders, und irgendwann blieb tatsächlich etwas hängen.
Also übte ich in dieser letzten Nacht genau das. Nicht alles. Nicht mit dem Anspruch, plötzlich rechnen zu können. Sondern mit einer ziemlich pragmatischen Hoffnung: Wenn morgen etwas drankommt, das ich irgendwie schaffen kann, dann möchte ich wenigstens versuchen.
ZAHLEN UND ICH
Wie Mathe für mich klingt:
Kommen zwei dumme Fische in die Wüste. Der eine ist grün, der andere mag Pommes.
Wie viel wiegt der Bär, wenn es von 14:00 Uhr bis 16:26 Uhr regnet?
Am Tag der Abschlussprüfung waren wir alle total nervös. Jeder hatte irgendwie Tunnelblick. Meine größte Angst waren die Aufgaben, bei denen wir rechnen mussten. Ich wusste, dass ich die wahrscheinlich nicht schaffen würde, und hoffte einfach, dass es für die Textaufgaben genügend Punkte gab. Mir war deshalb schon vorher klar, dass ich diese Prüfungen vermutlich nicht mit Bestnoten verlassen würde.
Meine Beziehung zu Zahlen ist nämlich seltsam. Daten und Fakten sind überhaupt kein Problem. Frag mich nach irgendeinem Tag in irgendeinem Jahr und ich bin dein Tagebuch. Auch im Alltag bekomme ich alles geregelt, was mit Zahlen zu tun hat. Aber ich muss es auf meine Art machen. Für Zeit und Entfernung habe ich eigene Vorstellungen. Für bestimmte Rechnungen brauche ich eine ganz bestimmte Taschenrechner-App. Für vieles habe ich mir über die Jahre eigene Tricks und Hilfen gebaut. Damit komme ich wunderbar durchs Leben. Nur in einer Prüfung, in der man einen normalen Taschenrechner vor sich liegen hat und eine Aufgabe auf genau die vorgesehene Weise lösen soll, hilft einem das wenig.
Kurz vor dem Abschluss gab es dann eine Situation, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Ein Mentor erklärte uns eine Rechnung und übersprang dabei einige Schritte, weil wir sie bereits in einem anderen Fach gelernt hatten. Für die anderen schien das kein Problem zu sein. Für mich schon. Ich verstand es nicht. Und irgendwann saß ich da und mir kamen die Tränen..
Nicht nur wegen dieser Rechnung. In zwei Tagen waren die Prüfungen und in meinem Kopf ging sofort wieder alles los: Was, wenn genau das drankommt? Was, wenn ich die Prüfung nicht bestehe? Was, wenn ich als Kurt-Schalk-Stipendiatin ohne Zertifikat dastehe und sich alle fragen, wofür sie eigentlich ihr Geld gespendet haben und was ich die letzten zwölf Monate gemacht hatte? Ich war unglaublich hart mit mir.
Dann wurde ich gefragt, ob ich wüsste, was Dyskalkulie ist. Noch nie gehört. Klang für mich erst einmal wie eine tödliche Krankheit. War es zum Glück nicht. Und dieser Begriff sollte später meine gesamte Sicht auf mich selbst verändern.
Denn unser Selbstbild entsteht nicht einfach so. Es wird auch von den Menschen geprägt, die uns umgeben. Wenn dir oft genug jemand sagt: „Das kannst du nicht“, „Das ist zu schwer für dich“ oder dir vermittelt, du seist einfach nicht gut genug, dann glaubst du das irgendwann selbst. Ich hatte das sehr lange geglaubt.
EIN ANDERER BLICK AUF MICH SELBST
Nach meinem Abschluss nahm ich diesen Begriff mit nach Hause. Ich recherchierte, wandte mich an Fachleute und machte entsprechende Tests. Und plötzlich gab es eine Erklärung für etwas, für das ich mich mein Leben lang selbst verantwortlich gemacht hatte. Ich war nicht zu dumm zum Rechnen. Mein Gehirn verarbeitet mathematische Zusammenhänge einfach anders. Was für andere selbstverständlich funktioniert, braucht bei mir manchmal einen anderen Weg. Und das Verrückte daran war: Diese anderen Wege hatte ich mir längst gebaut.
Diese Erkenntnis hat unglaublich viel mit meinem Selbstbild gemacht. Ich bin heute nicht mehr so hart mit mir. Ich mache mich nicht mehr kleiner, nur weil ich etwas anders lösen muss als andere. Und neben all dem Fachwissen, all den Erfahrungen und all den Menschen, die mir dieses Studium geschenkt hat, war genau das vielleicht eine der wertvollsten Erkenntnisse dieses Jahres. Ich habe sehr viel mehr gewonnen als Wissen und ein Zertifikat.
ROCKY NACH ZWÖLF RUNDEN
Als die Prüfungen beendet waren, schien mir die Sonne aus dem Allerwertesten. Ich hatte um mein Leben geschrieben, in der Hoffnung, damit irgendwie die ungelösten Rechenaufgaben auszugleichen. Ich gab Antworten auf Dinge, nach denen ich nicht einmal gefragt worden war. Ein Versuch war es schließlich wert.
Als ich den Stift hinlegte, fühlte ich mich wie Rocky nach zwölf Runden. Keine Ahnung, ob ich gewonnen hatte. Aber ich hatte es geschafft. Ich war endlich fertig.
Und dann wurden wir alle emotional. Plötzlich begriffen wir, dass wir nie wieder alle zusammen in genau diesem Raum sitzen würden. Beim Abschlussessen hatte ich auf einmal richtigen Kohldampf. In den vergangenen zwölf Monaten war Essen für mich häufig kein Genuss gewesen, sondern einfach notwendige Nahrungsaufnahme. Jetzt schmeckte plötzlich alles unglaublich intensiv. Ich aß meine Antipasti. Und danach auch noch die meiner Sitznachbarn. Die anderen mussten lachen, weil sie mich wahrscheinlich selten so losgelöst erlebt hatten. Ich glaube, in diesem Moment fiel sehr viel von mir ab.


MEHR ALS EIN ZERTIFIKAT
Eine solche Erfahrung, wie ich sie in diesem Jahr machen durfte, wünsche ich wirklich jedem. Ganz besonders Menschen, die an sich selbst zweifeln. Denn so vieles, wovor wir Angst haben, passiert zunächst nur in unserem Kopf – lange bevor überhaupt irgendetwas passiert ist.
Wir erzählen uns selbst, warum wir irgendwo nicht hineinpassen. Warum andere besser sind. Warum wir etwas nicht können. Warum wir wahrscheinlich scheitern werden. Ich hatte mir vor meiner ersten Woche in Wuppertal eine ganze Gruppe von Menschen ausgemalt, neben denen ich mich klein fühlen würde. Und gefunden habe ich Menschen, bei denen ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, mit meiner Begeisterung genau richtig zu sein.
Ich hatte Angst, nicht gut genug für dieses Studium zu sein. Und am Ende hat mir genau dieses Studium gezeigt, dass ich mich mein Leben lang an manchen Stellen völlig falsch eingeschätzt hatte.
Im Dezember, ausgerechnet am Tag unserer Firmenweihnachtsfeier, bekam ich schließlich die Nachricht: Ich hatte bestanden.
Meine Noten waren nicht besonders toll. Aber sie sagen auch nicht besonders viel darüber aus, was ich in diesen zwölf Monaten gelernt habe, welche Fähigkeiten ich entwickelt habe und welche Erfahrungen ich gemacht habe. Es sind Zahlen auf einem Blatt Papier, entstanden in wenigen Stunden unter Prüfungsdruck.
Natürlich war ich stolz auf mein Zertifikat. Aber wenn ich heute auf dieses Jahr zurückblicke, ist es nicht dieses Stück Papier, an das ich zuerst denke. Ich denke an Wuppertal, die Schwebebahn. An nächtliches Lernen in der Hotellobby. An Dobby und Nero zwischen meinen Schulbüchern. An den Presslufthammer um sechs Uhr morgens. An Ambiguitätstoleranz. An eine furchtbare Brühe aus einem Hotelwasserkocher. An meine Angst vor den Prüfungen. An Menschen, die zunächst Fremde waren und irgendwann meine Brüder und Schwestern wurden. Und an all die Versionen von mir selbst, die in diesen zwölf Monaten entstanden sind.
Denn nicht das Zertifikat zeichnet einen Menschen aus. Es sind die Erfahrungen, die man auf dem Weg dorthin gesammelt hat, und das, was man daraus macht.
Und ausgerechnet eine Weiterbildung, für die ich mich anfangs kaum gut genug gefühlt hatte, hatte mir am Ende etwas gegeben, das viel wichtiger war: das Vertrauen, meinen eigenen Weg weiterzugehen.

EIN LETZTES MAL BADEN-BADEN
Der Kinokongress 2025 dauerte wie immer mehrere Tage. Und vielleicht war genau das der Grund, warum sich dieser Abschied so langsam und so intensiv angefühlt hat. Es war nicht dieser eine Moment auf der Bühne. Nicht nur die Rede. Nicht nur das Zertifikat. Es war eine ganze Woche, in der mir immer wieder bewusst wurde, wie viel sich verändert hatte.
Ich kannte Baden-Baden inzwischen gut. Die Wege, die Räume, die Menschen, diese eigentümliche Mischung aus Wiedersehen, Branche, Gesprächen, Terminen und kurzen Momenten dazwischen, in denen plötzlich alles still wird und man merkt, was gerade eigentlich passiert.
Und ich merkte in dieser Woche sehr deutlich, dass ich selbst nicht mehr dieselbe war.
Als ich 2022 zum ersten Mal auf diesem Kongress stand, war vieles noch neu. Die Branche war groß, die Menschen darin wirkten teilweise weit weg und ich selbst war noch dabei herauszufinden, welchen Platz ich darin überhaupt hatte. In den Jahren danach war unglaublich viel passiert. Verantwortung war dazugekommen, das FTM, all die Gespräche, Zweifel, Erkenntnisse, Menschen und Erfahrungen. Mein Blick auf Kino hatte sich verändert. Und damit auch mein Blick auf mich selbst.
Vielleicht war das das Seltsamste an dieser Woche: Die Orte waren vertraut. Viele Gesichter waren vertraut. Aber ich selbst hatte das Gefühl, mich gerade neu kennen zu lernen.
Ich bewegte mich anders durch diese Tage. Sicherer vielleicht. Nicht, weil plötzlich alle Zweifel verschwunden waren, sondern weil ich inzwischen wusste, dass Entwicklung nicht bedeutet, irgendwann fertig zu sein. Es bedeutet eher, sich selbst immer wieder neu zu begegnen.
Und dann kam der letzte Tag.

Die Zertifikatvergabe war natürlich der sichtbare Abschluss dieser Reise. Ein Moment, auf den wir lange hingearbeitet hatten. Ich wusste schon länger, dass wir noch einmal auf der Bühne stehen würden. Schließlich wollte man der Branche auch zeigen, was aus den ersten Stipendiaten geworden war.
Trotzdem fühlte es sich in dem Moment größer an, als ich erwartet hatte.
Nicht weil ich dort mit einem Zertifikat stand.
Sondern weil mir bewusst wurde, wer dort stand.
Nicht mehr die Person von 2022, die zum ersten Mal vorsichtig in diese Branche hineinschaute. Nicht mehr dieselbe, die sich fragte, ob sie überhaupt gut genug war für all das. Dazwischen lagen Jahre, die mich gefordert, verändert und teilweise ziemlich durchgeschüttelt hatten.
Und deshalb wollte ich an diesem Tag nicht einfach nur Danke sagen.
Ich wollte etwas zurückgeben.
Also schrieb ich eine Rede.

„Liebe Kinoschaffende,
ich freue mich sehr, heute hier stehen zu dürfen und zu Ihnen sprechen zu können. Zunächst möchte ich meinen Dank aussprechen:
Ein herzliches Dankeschön an das Kuratorium der Kurt-Schalk-Stiftung für die Entscheidung, mir vor zwei Jahren das Stipendium zu verleihen. Worte können kaum ausdrücken, wie viel mir das bedeutet und wie sehr es mich bereichert hat – nicht zuletzt, weil es mir dadurch ermöglicht wurde, den Studiengang für Filmtheatermanagement zu absolvieren.
Dank geht auch an Claudia Overath und das gesamte RMC-Team für die Organisation dieses wunderbaren Kurses. Die Erfahrungen und Entwicklungen, die ich in den vergangenen zwei Jahren machen durfte, haben mich sowohl beruflich als auch persönlich bereichert. Ebenso möchte ich auch all denjenigen danken, die durch ihre Spenden Menschen wie mich fördern und ihnen die Möglichkeit geben, sich weiterzubilden und zu wachsen.
Ich möchte an dieser Stelle nicht lange darüber sprechen, was ich alles gelernt habe und wie ich mich entwickelt habe – das würde den Rahmen sprengen. Stattdessen möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um etwas zu sagen, das mir sehr wichtig ist.
Wir sprechen oft über den Nachwuchs und die Zukunft des Kinos, als wären das zwei voneinander getrennte Themen. Doch lassen Sie mich eines sagen: Der Nachwuchs ist die Zukunft des Kinos. Und es liegt an uns allen, viel mehr dafür zu tun, dass dieser Nachwuchs entsteht, sich entfalten und gedeihen kann.
Bitte achten Sie auf Ihre Mitarbeitenden. Motivieren Sie sie dazu, über sich hinauszuwachsen. Fördern Sie diejenigen, die mehr sein wollen. Mein eigener Chef hat genau das getan. Wann immer ich einen Gedanken hatte, sagte er zu mir: „Denke größer!“. Er hat meine Leidenschaft für das Kino erkannt und an mich geglaubt.
Noch bevor ich ihm von meinen Überlegungen erzählte, mich für das Kurt Schalk Stipendium zu bewerben, sagte er zu mir: „Bewirb dich – du wirst es schaffen!“ Dieser Glaube an mich hat mir Mut gemacht und mir gezeigt, dass ich gesehen werde.
Deshalb appelliere ich an Sie: Geben Sie Ihren Mitarbeitenden die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen. Lassen Sie sie ihre eigenen Ideen verwirklichen und Sie werden sehen – diese Investition in Vertrauen und Unterstützung zahlt sich mehrfach aus. Auf diese Weise entfachen Sie nicht nur Leidenschaft, sondern fördern auch eine tiefe Verbundenheit mit Ihrem Unternehmen.
Ich selbst liebe das Kino – aber noch mehr liebe ich das Unternehmen, in dem ich diese Leidenschaft ausleben darf. Und ich bin bereit, alles dafür zu tun, dass es gedeiht.
Ich bin kein Kinobetreiber, aber ich leite ein Kino mit einem großartigen Team. Seit ich diesen Kurs absolviert habe, habe ich viele der dort erlernten Inhalte in meinem Haus umgesetzt. Daraus sind neue, spannende Projekte entstanden, die mein Kino aber auch meine Stadt bereichert haben. Für mich wäre es das größte Geschenk, eines Tages zu wissen, dass jemand aus meinem Team diese Arbeit weiterführt, dass sie von den Menschen weitergetragen werden, die meine Vision teilen. Das kann nur gelingen, indem ich das, was mir durch Unterstützung und Förderung ermöglicht wurde, an andere weitergebe.
Das Weitertragen bestehender Visionen und das Schaffen neuer solle auch Ihr Wunsch sein. Denn so sichern wir die Zukunft des Kinos – durch neue Ideen, Innovationen und eine Leidenschaft, die andere inspiriert. Und vielleicht erreichen wir auf diesem Weg nicht nur ehemalige Kinogänger:innen wieder, sondern auch Menschen, die bislang keinen Bezug zur Branche hatten und hier ihre berufliche Zukunft entdecken möchten. Denn eines steht fest: Alles ist möglich, und alles kann geschaffen werden!
Vielen Dank, dass Sie mir zugehört haben!
Danke Baden-Baden.“
Und dann war dieser Moment vorbei.
Das Zertifikat war übergeben. Die Rede gehalten. Dort wo für mich dieses eine Kapitel begann, endete es auch.
Wir standen noch einmal zusammen, machten Fotos, umarmten uns, redeten, lachten. Und gleichzeitig lag über allem dieses Wissen, dass etwas zu Ende ging.

Nicht nur unser gemeinsamer Weg durch das FTM.
Auch Baden-Baden selbst verabschiedete sich.
Der Kongress würde weiterziehen. Die Branche würde weiterziehen. Wir würden weiterziehen.
Und während an diesem Ort so vieles zu Ende ging, hatte sich für mich beinahe unbemerkt schon etwas Neues in Bewegung gesetzt.
Im Laufe dieser Woche war ich gefragt worden, ob ich Lust hätte, eine Gast-Kolumne bei SPOT Media & Film zu schreiben.
Ein kleiner Satz. Eine neue Möglichkeit. Und plötzlich stand da neben all dem Abschied schon wieder eine Tür offen.
Am selben Tag, an dem ich mein Zertifikat entgegennahm und einen Weg abschloss, begann also ein neuer.
mein weg als kolumnistin

Vielleicht beschreibt genau das diese Woche am besten.
Ich war nach Baden-Baden gekommen, um etwas zu beenden. Um mich von Weggefährten zu verabschieden. Von einem Ort. Von einem Kapitel meines Lebens.
Und ich fuhr nach Hause mit etwas Neuem.
Mit einem Abschluss in der Hand, einer Rede im Kopf und einer Frage, die vorher noch gar nicht existiert hatte: Was, wenn mein Weg im Kino nicht nur darin bestand, es zu machen – sondern auch darüber zu schreiben?
Erst viel später verstand ich, wie passend dieser Übergang eigentlich war.
Denn während ich in den Jahren zuvor gelernt hatte, Kino anders zu sehen, begann ich nun damit, diese Sicht auch nach außen zu tragen.
Aus Lernen wurde Haltung.
Aus Haltung wurde eine Stimme.
Und aus einem Abschied wurde ein Anfang.
WO ICH HEUTE STEHE

Wenn ich heute auf meinen Weg zurückblicke, fällt es mir schwer, einen einzelnen Moment zu benennen, an dem aus all dem das geworden ist, was ich heute mache. Wahrscheinlich gibt es diesen einen Moment auch gar nicht. Es waren viele kleine Entscheidungen, Begegnungen, Umwege und manchmal auch Zufälle, die mich immer ein Stück weitergebracht haben.
Ich bin noch immer Theaterleiterin. Ich stehe noch immer hinter der Theke, wenn es nötig ist, löse technische Probleme, repariere kaputte Schubladen, schreibe Dienstpläne, kümmere mich um meine Mitarbeiter und sorge dafür, dass am Ende des Tages ein Kino funktioniert. Dieser Teil meiner Arbeit gehört zu mir und er ist wichtig, denn hier erlebe ich jeden Tag unmittelbar, für wen wir all das eigentlich machen: für die Menschen, die zu uns kommen. Für unsere Gäste.
Aber mein Kino ist für mich längst mehr als ein Gebäude mit fünf Sälen.
Ich entwickle Veranstaltungen und Kooperationen, bringe Menschen zusammen, knüpfe Netzwerke und versuche immer wieder neue Gründe dafür zu schaffen, warum jemand sagt: Da möchte ich hin. Ich beschäftige mich mit Besucherarbeit, Zielgruppengewinnung, Kommunikation und der Frage, welche Rolle ein Kino heute in einer Stadt und für die Menschen spielen kann und muss. Dabei endet mein Blick nicht an der eigenen Kinotür: Mich beschäftigt auch, wie wir als Branche besser zusammenarbeiten, voneinander lernen und gemeinsam etwas bewegen können. Und ich liebe es, wenn aus einer Idee im Kopf irgendwann ein voller Kinosaal wird und aus Menschen, die als Besucher gekommen sind, eine Gemeinschaft für einen Abend entsteht.
Gleichzeitig ist meine Welt längst größer geworden als mein eigenes Haus.
Ich fahre zu Branchentreffen, bekomme Einladungen als Speaker, tausche mich mit anderen Kinoschaffenden aus, spreche mit Menschen, deren Arbeit und Erfahrungen mich interessieren, stelle Fragen und merke dabei immer wieder, dass aus einer Antwort meistens drei neue entstehen. Genau das treibt mich an. Ich möchte verstehen, Zusammenhänge erkennen, bestehende Strukturen hinterfragen und meine eigenen Gedanken dazu entwickeln.
Denn ich möchte die Kinobranche nicht nur beobachten und auch nicht einfach nur in ihr arbeiten.
Ich möchte sie mitgestalten.
Ich möchte mich einbringen, Ideen entwickeln, Diskussionen anstoßen und meinen Teil dazu beitragen, dass Kino auch in Zukunft ein lebendiger Ort bleibt. Dabei beschäftigt mich nicht nur, wie wir Menschen wieder für Kino begeistern können, sondern auch, wie wir mit den Menschen umgehen, die Kino jeden Tag möglich machen. Wie wir Nachwuchs fördern, Wissen weitergeben, Mitarbeiter entwickeln, neue Ideen zulassen und eine Branche schaffen, in der Menschen ihre eigene Leidenschaft entdecken und entfalten können.
Und ich schreibe.
Was in Baden-Baden mit der Frage begann, ob ich nicht Lust auf eine Kolumne hätte, ist inzwischen ein wichtiger Teil meiner Arbeit geworden. In „Kino. Menschen. Momente.“ schreibe ich über die Themen, die mich in unserer Branche beschäftigen. Über Besucherarbeit, Mitarbeiter, Weiterbildung, Leidenschaft, Verantwortung und immer wieder über die Menschen, ohne die Kino nur ein Gebäude mit einer Leinwand wäre.
Manchmal erzähle ich aber auch einfach aus meinem Alltag: von unseren Besuchern, von dem, was ich erlebt habe, wie aus einer ersten Idee ein neues Projekt entstanden ist, wie ich Veranstaltungen entwickelt und umgesetzt habe und welche Wege ich ausprobiert habe, um Menschen dafür zu begeistern. Denn oft sind es gerade die Erfahrungen aus dem Alltag, die andere inspirieren, zum Austausch anregen oder dazu führen, dass sich jemand aus der Branche bei mir meldet, weil ihn eine ähnliche Frage oder ein bestimmtes Thema beschäftigt.
Dabei möchte ich nicht einfach erklären, wie Kino funktioniert. Mich interessiert, warum wir Dinge so machen, wie wir sie machen. Was wir verändern können. Was wir bewahren sollten. Und was möglich wird, wenn wir den Mut haben, größer zu denken.
Vielleicht ist das heute der größte Unterschied zu dem Menschen, der einmal in der Popcornküche angefangen hat und überhaupt nicht wusste, wohin dieser Weg führen würde.
Heute weiß ich, wofür ich stehe.
Ich bin Theaterleiterin, Gastgeberin, Kinomacherin, Kolumnistin und Kinobotschafterin. Ich bin Netzwerkerin, Ideengeberin und manchmal Projektentwicklerin. Ich moderiere, organisiere und bringe Menschen zusammen. Manchmal stehe ich mit einem Mikrofon in einem vollen Kinosaal und fünf Minuten später leere ich irgendwo einen Mülleimer, weil er eben voll ist.
Das eine schließt das andere für mich nicht aus.
Im Gegenteil: Vielleicht braucht man genau diese Nähe zum echten Kinoalltag, wenn man darüber sprechen möchte, wie Kino morgen aussehen kann.
DIE TÜR STEHT OFFEN
Auch diese Website ist deshalb keine Sammlung dessen, was ich bereits erreicht habe. Sie ist ein Ort für das, was mich beschäftigt und was gerade entsteht. Für meine Texte, meine Projekte, meine Gedanken über Kino – und vor allem für Austausch.
Ich bin ein offener und kontaktfreudiger Mensch. Ich lerne gerne neue Menschen kennen, höre mir andere Perspektiven an, diskutiere Ideen und freue mich über Begegnungen, aus denen manchmal völlig unerwartet etwas Neues entsteht. Viele meiner Projekte und Gedanken haben genau so angefangen: mit einem Gespräch.
Wer also mit mir über Kino sprechen möchte, eine Idee hat, an einem ähnlichen Thema arbeitet, eine Zusammenarbeit im Kopf hat, mir widersprechen möchte oder einfach neugierig geworden ist, darf sich gerne bei mir melden.
Diese Website soll deshalb nicht nur zeigen, wer ich bin.
Sie soll auch eine offene Tür sein.
Denn Kino entsteht für mich dort, wo Menschen zusammenkommen, miteinander reden, Ideen teilen und bereit sind, etwas zu bewegen.
Ich weiß heute, was ich tun möchte: Menschen für Kino begeistern, Kino sichtbar machen und die Branche, die ich liebe, aktiv mitgestalten.
Und damit bin ich noch lange nicht fertig.
Ich habe gerade erst angefangen.
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